Dienstag, 5. Dezember 2017

Die Prostitutionsdebatte und das „Reden mit Betroffenen“


Pixabay, Public Domain
Diskussionen zu Prostitution laufen immer sehr ähnlich ab. Eine große Rolle spielt dabei immer wieder – und das völlig zu Recht – die Sichtweise der Betroffenen. Appelle „mit Betroffenen zu reden“ erfüllen dabei aber in aller Regel die Funktion die Debatte in Richtung bestimmter Betroffener zu lenken, wie ich im Folgenden - nach der 74598ten Online-Debatte zum Thema - bei der (etwas überspitzten) Nachzeichnung eines idealtypischen Diskussionsverlaufes zeigen möchte – als ewig gleiches Drama in drei Akten.

Prolog

Jemand beginnt eine Debatte zum Thema, der Aufhänger ist relativ egal, und legt seine Meinung zum Sachverhalt dar. Ein paar Mitdiskutierende äußern Zustimmung, Abweichung oder partiell von jedem etwas, bzw. bringen zusätzliche Aspekte ein. Und dann, man kann die Uhr drauf stellen, passierts.

Akt 1

Jemand kommt, postet ein Statement einer Gruppierung, meistens einer mit „Sexarbeit“, „Sexwork“ oder „sexuelle Dienstleistungen“ im Titel und stellt fest, dass alle Mitdiskutierenden ja eigentlich gar keine Ahnung haben und sie gefälligst mal lesen, hören, sehen sollen, „was die Menschen selbst zu sagen haben“, denn alles andere wäre ja „Bevormundung“ und „Paternalismus“. Nun ist dem vollkommen zuzustimmen,  dass „die Menschen“, die in der Prostitution sind, eine sehr wichtige Stimme im Diskurs um Prostitution haben sollen und müssen, aber es ist gibt zum einen nicht eine einhellige Meinung von Frauen, die selbst in der Prostitution sind und waren, zum anderen sind Frauen (und andere) in der Prostitution nicht die einzigen, auf die die Existenz von Prostitution sich auswirkt.

Um es deutlich zu sagen: Frauen, die sich als „Sexarbeiterinnen“ betrachten und der Meinung sind, dass Prostitution legalisiert werden oder sein sollte, haben ein Recht sich zu bezeichnen wie sie wollen und ein Recht auf ihre Meinung und an Partizipation an der Debatte.

Sie haben jedoch nicht mehr Rechte, als aktive und ehemalige prostituierte Frauen, die den Begriff „Sexarbeit“ für sich ablehnen und eine andere Prostitutionspolitik einfordern.

Und: Auch Frauen, die selbst keine Prostitutionsgeschichte haben, sind (sekundäre) Betroffene des Systems der Prostitution – und auch sie haben ein Recht als Betroffene gehört zu werden. Zu behaupten, wer keine Prostitutionserfahrung habe, sei nicht betroffen, ist gleichbedeutend damit allen, die nicht leistungsberechtigt nach dem SGB II sind, zu sagen, „Hartz IV“ habe keine Auswirkungen auf ihre Arbeitsverhältnisse und Leben. Prostitution hat Auswirkungen auf ALLE Frauen – und sogar auf alle Männer, sei es, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Männlichkeit sie unter Druck setzen, sei es, dass sie als Freier und Nicht-Freier die patriarchale Dividende abgreifen.

Da sich hinter dem Begriff „SexarbeiterIn“ auch häufig ProfiteurInnen der Prostitution subsummieren, muss außerdem in einer gesellschaftlichen Debatte der Verweis auf diese Tatsache ebenso erlaubt sein, wie die Tatsache, dass der Begriff von ZuhälterInnen entwickelt wurde, die Prostitution als Beruf wie jeden anderen legitimieren wollen, und darauf bestanden werden, den Begriff auf keinen Fall jenen aufzudrücken, die ihn für sich ablehnen und ihn als verletzende Euphemisierung ihrer eigenen sexuellen Ausbeutung empfinden.

Aber zurück zu den Frauen in der Prostitution. Wer behauptet, das Nordische Modell sei eine Prostitutionspolitik, die gegen den Willen prostituierter Frauen entwickelt wurde, irrt oder lügt, denn genau das Gegenteil ist der Fall: Die schwedische und norwegische Forschung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie sehr genau auf die Stimmen der Frauen in der Prostitution gehört hat. Seit den späten 70er Jahren trafen sich schwedische ProstitutionsforscherInnen mit Betroffenen, ganz ohne Vorurteile, und hörten sich an was sie zu sagen haben (Oslo Projekt, Malmö Projekt). Die ExpertInnen der Regierungskommission taten ab 1977 etwas eher ungewöhnliches: Sie verließen ihre Büroarbeitsplätze und besuchten mehr als drei Jahre lang Sexclubs, sprachen mit Prostituierten, Sexkäufern und anderen, die sie dort trafen. Sie wollten verstehen, was genau Prostitution ausmacht. Heraus kam ein 800-Seiten dicker Bericht, davon 140 Seiten Aussagen von Betroffenen. Seite für Seite erzählten prostituierte Frauen von ihrem Weg in die Prostitution, über die Sexkäufer, von der Rolle von Alkohol und Drogen, von Gewalt, Scham, Stärke und Überlebensstrategien. Diese Vorgehensweise war einmalig. Frühere Forscher hatten prostituierte Personen als abnormal abgestempelt, Prostitution am Rand der Gesellschaft verortet. Durch diese Untersuchung jedoch wurde eine neue Grundlage gelegt. 1983 wurde ein Buch veröffentlicht, welches die Geschichten von 224 prostituierten Frauen aus dem Malmö-Projekt (1977-1981) aus deren Perspektive erzählte. Weitere Studien legten den Grundstein für die schwedische Gesetzgebung von 1999, die zehn Jahre später in Norwegen übernommen wurde. Hier wurde also sehr ausführlich mit Betroffenen gesprochen.

Egal wie oft man das ausführt, egal wie viele Stimmen von ehemaligen Prostituierten und Prostitutionsüberlebenden, die sich für das Nordische Modell einsetzen, man in die Debatte nun einbringt, sie werden erst einmal ignoriert.

Zum Beispiel Huschke Mau, die sagt: „Prostitution ist immer Gewalt“ und "Alle Freier sind Täter".

Oder Marie Merklinger, die sagt: „Nichts davon war mein freier Wille“

Oder Sandra Norak, die sagt: „Die Prostitution hat mich fast kaputt gemacht“

Oder man kann auch das Manifest der Prostitutions- und Menschenhandelsüberlebenden erwähnen, die sagen:
„Frauen in der Prostitution träumen von einem Leben frei von Unterdrückung, einem Leben, das sicher ist und einem Leben, in dem wir als Bürgerinnen partizipieren können, und in dem wir unsere Rechte als menschliche Wesen, nicht als „Sexarbeiterinnen“, ausüben können“

Man kann auf das kürzlich erschienene Buch „Prostitution Narratives“ verweisen, welches vor nicht allzu langer Zeit erschienen ist, und auf die zahlreichen Betroffenenstimmen für das Nordische Modell, die dort gesammelt sind.

Man kann auch darauf hinweisen, dass Frauen aus ethnisch diskriminierten Minderheiten, die die Mehrheit der Frauen in der Prostitution stellen, (nicht nur, aber insbesondere) aus strukturellen Gründen von der Debatte ausgeschlossen sind, und noch seltener (zum Beispiel bei Stern TV oder aktuell in der Doku „Bordell Deutschland“) in der Debatte zu Wort kamen.

Akt 2

Warum werden diese Stimmen ignoriert? Wer das fragt bekommt oft folgende Antwort:
„Menschen, die nicht mehr in der Branche arbeiten sind, sind wohl kaum repräsentativ für jene, die aktiv sind“
Achso.

Das bedeutet dann auch, dass wir Frauen, die es geschafft haben lebend einer Gewaltbeziehung zu entkommen, kein Gehör mehr schenken müssen, wenn es um häusliche Gewalt geht, weil sie ja nicht „repräsentiv“ für jene sind, die noch geprügelt werden. Oder Menschen, an denen als Kinder sexuelle Gewalt in Familien oder Institutionen ausgeübt wurde, von Runden Tischen zur Prävention ausschließen.

Das bedeutet die Erfahrungen von Frauen, die den Ausstieg geschafft haben, als irrelevant zu erklären.

Das bedeutet auch, die strukturellen Gründe zu verschärfen, die ausländische Frauen und Frauen aus ethnischen Minderheiten aus den Debatten ausschließen. Denn: Wer noch im Bordell, der Terminwohnung oder dem Wohnmobil täglich die Tagesmiete erwirtschaften muss, hat wenig Zeit und Nerven Menschen die eigene Lebenssituation auf Podien und in Texten zu erklären.

Man hört dann gerne Aussagen wie:
„Es kann mir schlicht niemand erzählen, dass Sexarbeiter*innen es bevorzugen würden, wenn man ihre eigenen Kunden kriminalisiert. Das ergibt sich schon aus der Logik der Sache selbst.“
Geduldig (oder weniger geduldig) kann man dann darauf hinweisen, dass das schwedische Netzwerk PRIS, welches das Nordische Modell unterstützt, sehr wohl aus ehemaligen UND aktiven prostituierten Frauen besteht.

Man kann auf Stimmen wie der von Chelsea Geddes hinweisen, die im entkriminalisierten System von Neuseeland aktuell prostituiert ist und sagt:

„Ich bin selber prostituiert und habe noch nie eine getroffen, die möchte, dass unsere Zuhälter und Freier entkriminalisiert werden, oder die noch Steuern zusätzlich zu dem zahlen wollen, was uns unsere Zuhälter abnehmen. Wir erhalten keinerlei Unterstützung um uns beim Ausstieg zu helfen; dabei helfen uns zu rehabilitieren, dabei helfen uns fortzubilden oder in der Zukunft einen richtigen Job zu erhalten. Stattdessen sagt man uns, dass es vollkommen akzeptabel für uns ist, dass wir genau da bleiben wo wir sind. Niemand von uns möchte das, nicht mal die von uns die „freiwillig“ hier sind, weil wird das Geld brauchen. Wir alle wollen das nur vorrübergehend machen. Wir würden sofort aussteigen, wenn wir könnten. Die meisten von uns wissen nichts über Prostitutionspolitiken und haben noch nie vom Nordischen Modell gehört. Vielleicht unterstützen wir die Entkriminalisierung, aber dann nur deshalb, weil wir der Meinung sind, dass die Alternative dazu ist, kriminalisiert zu werden und zusammen mit unseren Missbrauchenden eingesperrt zu werden. Jede, die vom Nordischen Modell weiß unterstützt es. Ich würde mein Leben dafür geben, das Nordische Modell in mein Land zu holen – wenn ich auch kein großartiges Leben zu geben habe.“

Chelsea weist auch darauf hin, dass es kein Widerspruch ist, Freier zu kriminalisieren und prostituierte Frauen zu unterstützen:
„Freier kriminalisieren zu wollen UND NICHT die Prostituierten hat nichts mit Hass oder Ausschluss gegenüber Sexarbeiterinnen zu tun. Bei der Freierbestrafung geht es um Freier. Es geht darum, wie unmöglich es ist, Freier für irgendetwas, das sie tun, zur Rechenschaft zu ziehen, insbesondere dann wenn Freiertum selbst legalisiert und legitimiert ist.“
Akt 3

Wie kommt also jemand wieder aus der Nummer raus, wenn er sich mit der Forderung „Betroffene anhören“ selbst ein Bein gestellt hat?

Na klar, durch Projektion, indem den Mitdiskutierenden vorgeworfen wird, sie würden genau das tun, was die Personen selber tun (zum Beispiel sich nur mit den Betroffenen-Stimmen beschäftigen wollen, die ins eigene Weltbild passen). Oder durch Ausweichen auf ein anderes Thema (Derailing). Oder durchs Hinschmeißen der Debatte (ebenfalls durch Bezichtigung dessen, was man selbst tut), weil der andere ja angeblich nicht auf die vorgebrachten Argumente eingeht (obwohl genau das die ganze Zeit geschieht).

Dies zeugt weder von einer guten Debattenkultur, noch ist es fair, denn, gerade dann, wenn es ein Mann ist, mit dem man diskutiert, ist es ja schön für ihn, wenn dieser das Privileg hat, sich aus einem Thema zurückzuziehen, weil er ja nicht die Konsequenzen am eigenen Leib spüren muss, sondern im Zweifelsfall durch das patriarchale Machtgefälle der Gesellschaft, welches unter anderem durch die Prostitution aufrecht erhalten wird, davon sogar einfach weiter profitiert.

Beliebt ist natürlich auch, jenen, die eine andere Position vertreten, einfach „Emotionalität“ vorzuwerfen und sich selbst als das Gegenbild der „Rationalität“ zu stilisieren, als schlössen Emotionalität und Rationalität sich gegenseitig aus.

Epilog

Wer Forderungen an eine Debatte stellt, sollte bereit sein diesen Forderungen auch selbst gerecht zu werden. Ja, wir sollten uns die Stimmen all jener anhören, die im System der Prostitution partizipieren: Die unterschiedlichen Stimmen der Frauen (und anderen), die prostituiert werden, die Stimmen der Freier und die Stimmen der Zuhälter und Menschenhändler. Und dann sollten wir, unter Berücksichtigung jener individuellen und kollektiven Stimmen die notwendige Macht- und Gesellschaftsanalyse vornehmen um zu einer Position zu kommen.

Wer jedoch meint, dass es ausreicht, Prostitution aus der Gesellschaft in der sie stattfindet auszugliedern und nur „Sexarbeits“-Organisationen zu zitieren - weil das die Betroffenen sind, die zur eigenen Haltung passen - und damit ist der Drops gelutscht, der ist eindeutig auf dem falschen Dampfer. Und: Er oder sie nimmt Betroffene nicht wirklich ernst, sondern benutzt sie wie Chips in einer Debatte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen